22. Januar 2026
Celina Hunschok, Bernhard Hauke

Ingenieurbaukunst als Zukunftsarbeit

7. Symposiums IngD4C zur klimaresilienten, lebenswerten und identitätsstiftenden Stadt

Das 7. Symposium Ingenieurbaukunst – Design for Construction fand am 28. November 2025 in Hamburg sowie online statt und widmete sich unter dem Titel Ingenieurbaukunst der Stadt der Frage, wie Ingenieurbauwerke zur klimaresilienten, funktionalen, lebenswerten und identitätsstiftenden Stadt beitragen können. Grundlage bildete das aktuelle Jahrbuch Ingenieurbaukunst 2026. Durch die Veranstaltung führte nbau Chefredakteur Dr. Bernhard Hauke, der die zentrale Bedeutung ingenieurtechnischer Leistungen für nahezu alle Aspekte urbaner Entwicklung hervorhob.

In ihrer Keynote ordnete Hamburgs Bausenatorin Karen Pein, die Ingenieurbaukunst ausdrücklich als Teil der Baukultur ein. Ingenieurbauwerke prägten nicht nur das Stadtbild, sondern stifteten Identität und müssten daher technische, gestalterische und gesellschaftliche Anforderungen gleichermaßen erfüllen. Anhand von Projekten wie der Sternbrücke oder dem anstehenden Neubau der Köhlbrandbrücke zeigte sie auf, wie wichtig frühe Zielklärungen, interdisziplinärer Dialog und ein hoher gestalterischer Anspruch seien. Resilienz bedeute dabei nicht allein Robustheit gegenüber klimatischen Veränderungen, sondern ebenso die Fähigkeit, gesellschaftliche Nutzungserwartungen über Jahrzehnte hinweg aufzunehmen – insbesondere in einer dynamisch wachsenden Stadt wie Hamburg, deren Entwicklung stark von ihrer Lage am Wasser geprägt ist.

Bild 1 Hamburger Bausenatorin Karen Pein

Bild 1 Hamburger Bausenatorin Karen Pein: Ingenieurbaukunst ist Baukultur, Quelle: Stefan Hähnel

Der erste Themenblock widmete sich der Zukunftsfähigkeit und Klimaresilienz der Verkehrsinfrastruktur. Christoph Steffan von Schüßler-Plan veranschaulichte anhand mehrerer Projekte der Kölner Verkehrs-Betriebe, dass die Mobilitätswende überwiegend im Bestand stattfindet. Überlastete Stadtbahnstationen müssen ertüchtigt, Bahnsteige verlängert sowie Brandschutz-, Evakuierungs- und Barrierefreiheitsanforderungen nachgerüstet werden – oftmals unter laufendem Betrieb. Auch der neue Betriebshof Köln‑Porz für den vollständigen Umstieg auf E‑Busse zeige, dass neue Mobilitätsformen mit angepassten Sicherheits-, Betriebs- und Raumkonzepten einhergehen. Bartolome Halaczek von Knight Architects zeigte anschließend anhand internationaler Brückenprojekte, wie Ingenieurbauwerke gezielt auf zukünftige Extremwetterereignisse reagieren können. Teilflutbare Konstruktionen, abnehmbare Geländer oder anhebbare Brückenelemente verdeutlichten, dass Resilienz längst ein integraler Bestandteil des Entwurfsprozesses ist und zugleich Chancen für inklusive und stadträumlich qualitätsvolle Lösungen bietet. Mit der Elisabethbrücke in Halle (Saale) präsentierte Andreas Danders von SSF Ingenieure ein Beispiel für modulares Bauen im Infrastrukturbereich. Durch industrielle Vorfertigung, kollisionsfreie 3D‑Planung und große Stützweiten konnten Bauzeit, Verkehrsbeeinträchtigungen und CO₂‑Emissionen deutlich reduziert werden. In der anschließenden Diskussion diskutierten Andreas Malcher (Werner Sobek AG), Oliver Keller (ReGe Hamburg) und Marko Bida (Schüßler-Plan) über die Herausforderungen der Umsetzung. Im Mittelpunkt standen Fragen nach der Ertüchtigung bestehender Haltestellen für steigende Fahrgastzahlen, nach zukünftigen klimatischen Bemessungsgrundlagen im Infrastrukturbau sowie nach der gestalterischen Qualität funktionaler Bauwerke. Einigkeit bestand darin, dass Mobilität der Zukunft nur durch eine integrierte Betrachtung von Konstruktion, Betrieb, Gestaltung und gesellschaftlicher Akzeptanz gelingen kann.

Bild 2 Marco Bida, Christoph Steffan (Schüßler-Plan), Andreas Danders (SSF Ingeieure), Bartolome Halaczek (Knight Architects), Andreas Malcher (Werner Sobek AG), Oliver Keller (ReGe Hamburg)

Bild 2 Zukunftsfähigkeit und Klimaresilienz der Verkehrsinfrastruktur: Marco Bida, Christoph Steffan (Schüßler-Plan), Andreas Danders (SSF Ingeieure), Bartolome Halaczek (Knight Architects), Andreas Malcher (Werner Sobek AG), Oliver Keller (ReGe Hamburg), Quelle: Stefan Hähnel

Der zweite Themenblock stellte das Zusammenspiel von Stadt und Natur in den Mittelpunkt. Prof. Wolfgang Dickhaut von der HCU Hamburg, Susanne Tettinger von Sweco sowie Sandro Sauer von Henning Larsen zeigten anhand internationaler Beispiele aus Stockholm, Bochum und Hamburg, wie blau‑grüne Infrastruktur Regenwasser dezentral zurückhält, Verdunstung fördert, das Stadtklima verbessert und Biodiversität stärkt. Entscheidend sei dabei die frühe und enge Zusammenarbeit von Ingenieurwesen, Landschaftsarchitektur und Stadtplanung. Mit dem Forschungs- und Praxisprojekt BlueGreen Streets in Hamburg wurde zudem ein Werkzeug vorgestellt, um Pilotprojekte systematisch in die planerische Regelanwendung zu überführen. Manuel Boensch von Wetzel von Seht erläuterte anschließend den Grünen Hochbunker Hamburg und machte deutlich, welcher ingenieurtechnische Aufwand erforderlich ist, um die massive Bestandskonstruktion mit den zusätzlichen Lasten aus Begrünung und öffentlicher Nutzung zu kombinieren. In der Diskussion verwies Wolfgang Dickhaut darauf, dass der Übergang von grauer zu blau‑grüner Infrastruktur weniger an planerischen Konzepten als an Fragen von Betrieb, Pflege, Zuständigkeiten und Finanzierung hake. Bernd von Seht ergänzte, dass insbesondere die Tragwerksplanung gefordert sei, enorme Lasten und Materialeinsätze so zu beherrschen, dass wirtschaftliche und nachhaltige Lösungen entstehen. Wasser an der Oberfläche wurde nicht nur als Instrument der Klimaanpassung, sondern auch als zentraler Treiber für Biodiversität, Aufenthaltsqualität und Akzeptanz in der Bevölkerung hervorgehoben.

Bild 3 Manuel Boensch (Wetzel von Seht), Sandro Sauer (Henning Larsen), Prof. Wolfgang Dickhaut (HCU Hamburg), Susanne Tettinger (Sweco), Bernd von Seht

Bild 3 Zusammenspiel von Stadt und Natur: Manuel Boensch (Wetzel von Seht), Sandro Sauer (Henning Larsen), Prof. Wolfgang Dickhaut (HCU Hamburg), Susanne Tettinger (Sweco), Bernd von Seht, Quelle: Stefan Hähnel

Der dritte Themenblock widmete sich der Klimaanpassung in der Stadt. Prof. Stephan Engelsmann von Engelsmann Peters stellte Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt zu festen und wandelbaren Verschattungssystemen vor. Die Untersuchungen zeigten, dass adaptive Lösungen nicht automatisch bessere mikroklimatische Effekte erzielen als statische Systeme, wodurch Kommunikation, Beteiligung und Kontextsensibilität an Bedeutung gewinnen. Im Anschluss stellte Henning Klattenhoff von Assmann Beraten + Planen die Mehrfamilienwohnanlage queerbeet vor, einen Holzbau mit Stroh- und Lehm. Das Projekt verdeutlichte, dass ökologische Baustoffe auch in höheren Gebäudeklassen realisierbar sind, wenn ihre Anforderungen an Feuchte-, Brand- und Tragwerksschutz frühzeitig integriert werden. In der Diskussion mit Prof. Michael Staffa (ifb frohloff staffa kühl ecker) wurde der Spannungsbogen zwischen Klimaschutz und Klimaanpassung deutlich: Während Holzbauweisen zur Vermeidung der Klimakrise beitragen, adressieren Verschattungsstrategien und Mikroklimaansätze den Umgang mit ihren bereits spürbaren Folgen.

Bild 4 Henning Klattenhoff (Assmann Beraten + Planen), Prof. Michael Staffa (ifb frohloff staffa kühl ecker); Prof. Stephan Engelsmann (Engelsmann Peters)

Bild 4 Klimaanpassung in der Stadt: Henning Klattenhoff (Assmann Beraten + Planen), Prof. Michael Staffa (ifb frohloff staffa kühl ecker); Prof. Stephan Engelsmann (Engelsmann Peters), Quelle: Stefan Hähnel

Der vierte Themenblock befasste sich mit Urban Mining und Umbaukultur. Clea Kummert von knippershelbig zeigte am Beispiel des Darmstädter Jugendhauses Regenbogenwald, wie Stahlbauteile eines rückgebauten Stuttgarter Parkhauses in ein neues Tragwerk integriert wurden. Der Ansatz form follows availability erfordere frühe Zweckbindung, sorgfältige Materialprüfungen und iterative Entwurfsprozesse. Dr. Jan Wenker von der Brünninghoff Group stellte ein neu entwickeltes Holz‑Beton‑Verbunddeckensystem vor, das durch innovative Verbindungsmittel gezielt für Rückbau und Wiederverwendung konzipiert ist und damit echte Kreislauffähigkeit ermöglicht. Sylvia Glomb von der IngenieurGruppe Bauen erläuterte die komplexen Eingriffe bei der Sanierung der denkmalgeschützten St.‑Hedwigs‑Kathedrale in Berlin, darunter die Integration moderner TGA, neue Erschließungen sowie eine innovative Innenkuppel mit ETFE‑Folienkissen. Deutlich wurde, dass 3D‑Planung allein nicht ausreicht und der Bauablauf integraler Bestandteil der Planung sein muss. In der Diskussion mit Sandra Niebling (sbp) und Ivana Bradarić‑Meyer (KREBS + KIEFER) wurde betont, dass Urban Mining und Design for Disassembly zunehmend in der Praxis angekommen sind, für eine flächendeckende Anwendung jedoch klare regulatorische Rahmenbedingungen, gesellschaftliche Akzeptanz und engagierte Bauherren erforderlich bleiben.

Bild 5 Sandra Niebling (sbp), Clea Kummert (knippershelbig), Ivana Bradarić Meyer (KREBS + KIEFER), Sylvia Glomb (IngenieurGruppe Bauen), Dr. Jan Wenker (Brünninghoff Group)

Bild 5 Urban Mining und Umbaukultur: Sandra Niebling (sbp), Clea Kummert (knippershelbig), Ivana Bradarić Meyer (KREBS + KIEFER), Sylvia Glomb (IngenieurGruppe Bauen), Dr. Jan Wenker (Brünninghoff Group), Quelle: Stefan Hähnel

Im abschließenden Gespräch von Dr. Bernhard Hauke mit Dr. Stefan Weihrauch, Präsident der Hamburgischen Ingenieurkammer‑Bau, wurde die große Innovationskraft und Lösungskompetenz des Ingenieurwesens hervorgehoben. Die technischen Antworten auf die Herausforderungen der Klimakrise seien vorhanden, für ihre Umsetzung brauche es jedoch das Zusammenspiel von Bauherren, Politik, Ausführung und Gesellschaft. Ingenieurbaukunst, so das Fazit des Symposiums, ist gestaltende Zukunftsarbeit und schafft die infrastrukturellen, kulturellen und ökologischen Grundlagen für widerstandsfähige, funktionsfähige und lebenswerte Städte.

Das 8. Symposium Ingenieurbaukunst – Design for Construction findet im November 2026 zum Thema Transformation in Stuttgart und online statt.

Bild 6 Dr. Stefan Weihrauch, Präsident der Hamburgischen Ingenieurkammer Bau: Innovationskraft und Lösungskompetenz des Ingenieurwesens

Bild 6 Dr. Stefan Weihrauch, Präsident der Hamburgischen Ingenieurkammer Bau: Innovationskraft und Lösungskompetenz des Ingenieurwesens, Quelle Stefan Hähnel

Weitere Infos zum Symposium (Archiv, Blog) und zur zugehörigen Ingenieurbaukunst 2026 (Jahrbücher) gibt es hier auf ingd4c.org.