13. Mai 2026
Clea Kummert, Jana Nowak, Thorsten Helbig, Stefan Behring, Raphaela Mersmann, Dr. Jan Wenker, Prof. Anja Rosen

26_#4 Wiederverwendung von Tragwerken

Anhand zweier Materialsysteme wird gezeigt, wie zirkuläres Bauen im Tragwerksentwurf konkret umgesetzt werden kann und welche technischen, planerischen und organisatorischen Voraussetzungen dafür notwendig sind.

Quelle: knippershelbig

1. Bestehende Stahltragwerke wiederverwenden

Die Wiederverwendung bestehender Tragwerke ist ein zentraler Hebel zur Reduktion grauer Emissionen ist. Da Stahl energie- und emissionsintensiv in der Herstellung ist, bietet die Wiederverwendung klare ökologische Vorteile gegenüber dem Einsatz von Primärmaterial. Reuse von Stahlbauteilen ist technisch gut umsetzbar, wenn Bestandsdaten systematisch ausgewertet, Bauteile geprüft und Tragwerkskonzepte iterativ an verfügbare Profile angepasst werden. Anhand eines realisierten Projekts wird der gesamte Prozess – von der Identifikation eines Quellgebäudes über zerstörungsfreien Rückbau, Prüfung und Genehmigung bis zur Wiederverwendung – nachvollziehbar dargestellt. Gleichzeitig wird deutlich, dass Reuse neue Planungslogiken erfordert, etwa das Entwerfen „vom Bauteil her“, sowie unterstützende Rahmenbedingungen wie Bauteildatenbanken, spezialisierte Rückbauunternehmen und angepasste Genehmigungsverfahren.

Stahl wiederverwenden ist machbar und ökologisch effektiv, erfordert jedoch ein radikal neues, kreislauforientiertes Planungsverständnis.

– Clea Kummert, Jana Nowak, Thorsten Helbig (knippershelbig)

2. Holz-Beton-Verbundbauteile fur den Wiedereinsatz

Holz-Beton-Verbundbauteilen können bereits bei der Entwicklung auf Wiederverwendung und Recycling ausgelegt werden. Durch reversible Verbindungen, optimierte Fugengeometrien und lösbare Abhebesicherungen lassen sich HBV-Deckenelemente vollständig demontieren und an anderer Stelle erneut einsetzen. Ist dies nicht möglich, erlaubt die Konstruktion zumindest eine sortenreine Trennung von Holz und Beton. Mithilfe des Urban Mining Index sowie ökologischer Bilanzierungen wird gezeigt, dass wiederverwendbare HBV-Decken sowohl beim Rückbauaufwand als auch bei den Treibhausgasemissionen deutlich besser abschneiden als konventionelle Deckensysteme. Der Beitrag macht deutlich, dass eine solche Performance nur erreicht wird, wenn Kreislauffähigkeit von Beginn an integraler Bestandteil von Entwurf, Konstruktion und Normung ist.

Durch rückbaugerechte Konstruktionen und reversible Verbindungen lassen sich vorgefertigte Holz-Beton-Verbundbauteile künftig wiederverwenden oder sortenrein trennen.

– Stefan Behring, Raphaela Mersmann, Dr. Jan Wenker (Brüninghoff), Prof. Anja Rosen (FH Münster)

Die Wiederverwendung von Tragwerken ist kein theoretisches Ideal, sondern eine realistische Praxisoption, deren breite Anwendung jedoch systemische Veränderungen in Planung, Regulierung und Bauwirtschaft erfordert.

Essay aus dem Jahrbuch Ingenieurbaukunst 2026.